Haltungsschwäche bezeichnet eine Störung der Haltung, bei der Kraft und Ausdauer der Rumpf- und Haltemuskulatur nicht ausreichen, um eine aufrechte Haltung über längere Zeit zu bewahren. Die betroffene Person kann sich aktiv aufrichten, sinkt aber nach kurzer Zeit in eine Ausweichhaltung zurück. Die Wirbelsäule ist strukturell nicht verändert. Beschrieben wird die Haltungsschwäche vor allem bei Kindern und Jugendlichen im Wachstum.
Das Schaubild zeigt den Armvorhaltetest nach Matthiaß: Das Kind richtet sich auf, hebt die Arme gestreckt nach vorn und hält die Stellung über eine festgelegte Zeit. Gelingen Aufrichten und Halten und bleibt die Haltung stabil, gilt es als haltungsgesund. Gelingt das Aufrichten, das Halten aber nicht, und verstärkt sich das Hohlkreuz, spricht der Test für eine Haltungsschwäche. Gelingt schon die aktive Aufrichtung nicht, liegt ein Haltungsverfall vor.
Haltungstest und Verordnungsrahmen
Gebräuchlich ist der Armvorhaltetest nach Matthiaß. Das Kind richtet sich auf, hebt beide Arme gestreckt nach vorn und hält diese Stellung über eine festgelegte Zeit. Bleibt die Haltung stabil, gilt es als haltungsgesund. Neigt sich der Oberkörper nach hinten und verstärkt sich das Hohlkreuz, spricht der Test für eine Haltungsschwäche. Gelingt schon die aktive Aufrichtung nicht, beschreibt Matthiaß einen Haltungsverfall.
Die Heilmittel-Richtlinie des G-BA nennt in der Diagnosegruppe WS, Wirbelsäulenerkrankungen, behandlungsbedürftige Haltungsstörungen ausdrücklich als Beispiel und knüpft sie an einen obligat positiven Matthiaß-Test (Stand Oktober 2026). Ob eine Behandlungsbedürftigkeit vorliegt, beurteilt die verordnende Ärztin oder der verordnende Arzt. Vorrangige Heilmittel dieser Gruppe sind unter anderem Krankengymnastik, auch in der Gruppe, und Übungsbehandlung.
Bedeutung für Ausbildung und Praxis
Die Grundlagen liegen nach Anlage 1 der PhysTh-APrV in der Bewegungslehre mit Bewegungs- und Haltungsanalysen und in den Befund- und Untersuchungstechniken mit Inspektion und Funktionsprüfung. Klinisch begegnet das Thema in Orthopädie und Pädiatrie. Im Befund beschreiben Auszubildende die Haltung von vorn, hinten und seitlich, führen den Matthiaß-Test durch und prüfen Kraft, Ausdauer und Länge einzelner Muskelgruppen. Hinweise auf eine muskuläre Dysbalance sind dabei eine Beobachtung, die im Gesamtbefund eingeordnet wird.
In der Behandlung stehen die Wahrnehmung der eigenen Haltung, Kraft und Ausdauer der Rumpfmuskulatur und abwechslungsreiche Bewegungsaufgaben im Vordergrund. Weil vor allem Kinder und Jugendliche behandelt werden, gehören altersgerechte Anleitung, Spielformen und die Beratung von Eltern zum Alltag. Ziel ist, dass die Kinder ihre Haltung im Alltag selbst wechseln und halten können. Bewegungsangebote außerhalb der Therapie, etwa im Sportverein, ergänzen die Behandlung.
Abgrenzung
Von einer Fehlform spricht man, wenn die Wirbelsäule strukturell fixiert verändert ist, etwa bei Skoliose oder Morbus Scheuermann. Die Haltungsschwäche ist keine Fehlform. Abzugrenzen ist sie von:
- Fehlhaltung: eine gewohnheitsmäßige Haltung, die sich aktiv ausgleichen und ohne rasche Ermüdung korrigiert halten lässt.
- Skoliose: eine dreidimensionale, strukturell fixierte Verformung der Wirbelsäule mit Verdrehung der Wirbel.
- Juvenile Hyperkyphose (Morbus Scheuermann): eine Wachstumsstörung der Wirbelkörper mit fixiertem, verstärktem Rundrücken.
- Haltungsverfall: Die aktive Aufrichtung gelingt nicht mehr.
Besteht der Verdacht auf eine strukturelle Veränderung der Wirbelsäule, klärt ihn die Ärztin oder der Arzt, gegebenenfalls mit Bildgebung. Die Haltungsschwäche selbst ist eine funktionelle Diagnose, die sich mit dem Wachstum und der körperlichen Aktivität verändern kann.