Muskeltonus bezeichnet den Spannungszustand eines Muskels, der auch ohne willkürliche Bewegung besteht. Er setzt sich aus den elastischen Eigenschaften des Gewebes und einer reflektorischen, vom Nervensystem gesteuerten Komponente zusammen. Im Befund zeigt sich der Tonus als Widerstand, den ein Muskel einer passiven Bewegung entgegensetzt, und als Konsistenz unter den tastenden Händen.
Hypertonus und Hypotonus
- Hypertonus: erhöhte Grundspannung, lokal etwa als tastbare Verspannung einzelner Muskeln oder ausgedehnt als Folge einer Schädigung im zentralen Nervensystem
- Spastik: geschwindigkeitsabhängige Tonuserhöhung nach Schädigung zentraler motorischer Bahnen, zum Beispiel nach einem Schlaganfall
- Rigor: gleichmäßig erhöhter Widerstand über den gesamten Bewegungsweg, kennzeichnend etwa bei Morbus Parkinson
- Hypotonus: verminderte Grundspannung, etwa nach Schädigung peripherer Nerven oder in der Frühphase nach einer zentralen Schädigung
Einordnung in der Ausbildung
Die physiologischen Grundlagen gehören zum Fach Physiologie, für das die Anlage 1 zur PhysTh-APrV unter anderem Nerven- und Sinnesphysiologie sowie Muskelphysiologie vorsieht. Die Tonusprüfung selbst ist Teil der physiotherapeutischen Befund- und Untersuchungstechniken mit Inspektion, Palpation und Funktionsprüfung. In der methodischen Anwendung in Neurologie und Orthopädie übertragen Auszubildende dieses Wissen auf konkrete Krankheitsbilder.
Bedeutung im Berufsalltag
Im Befund beschreiben Therapeutinnen und Therapeuten, wo, in welchem Ausmaß und unter welchen Bedingungen der Tonus verändert ist, etwa in Rückenlage, im Stand oder bei schneller gegenüber langsamer passiver Bewegung. Für die Einstufung einer Spastik gibt es standardisierte Skalen, die den Widerstand gegen passive Bewegung in Stufen erfassen. Der Befund fließt in Therapieziele und Behandlungsplanung ein, in der Neurologie zum Beispiel im Rahmen der Krankengymnastik zur Behandlung zentraler Bewegungsstörungen, einem Heilmittel nach der Heilmittel-Richtlinie.
Ein erhöhter Tonus ist ein Befund und keine Diagnose. Ob er Ausdruck einer neurologischen Erkrankung, einer Schonhaltung oder einer Stressreaktion ist, klärt erst die Zusammenschau von Anamnese, Untersuchung und ärztlicher Diagnostik. Umgangssprachliche Begriffe wie Verspannung oder Muskelhärte werden in der Dokumentation deshalb durch eine genaue Beschreibung von Lage, Ausprägung und Auslösebedingungen ersetzt. Weil der Tonus auch bei Gesunden mit Tageszeit, Temperatur, Anspannung oder Müdigkeit schwankt, wird ein Befund unter vergleichbaren Bedingungen wiederholt, bevor eine Veränderung als Verlauf gewertet wird.
Abgrenzung
Tonus beschreibt die Spannung in Ruhe, Kraft die Fähigkeit zur willkürlichen Anspannung. Ein Muskel kann einen erhöhten Tonus haben und zugleich schwach sein. Auch eine verkürzte Muskulatur ist vom Hypertonus zu unterscheiden, weil hier die Gewebelänge und nicht die Grundspannung verändert ist.