Goniometer heißt das Messinstrument, mit dem sich Gelenkwinkel und damit das Bewegungsausmaß eines Gelenks in Grad bestimmen lassen. Der Name setzt sich aus den griechischen Wörtern für Winkel und Maß zusammen. In der Physiotherapie gehört das Goniometer zur Grundausstattung der Befunderhebung, etwa in Orthopädie und Chirurgie und in der Nachbehandlung nach Verletzungen oder Operationen.
Aufbau und Formen
Das gebräuchliche Universalgoniometer besteht aus zwei Schenkeln, die an einem Drehpunkt verbunden sind. Eine Skala in Grad zeigt den Winkel zwischen ihnen an. Ein Schenkel ist fest mit der Skala verbunden, der andere beweglich. Daneben gibt es weitere Formen:
- kleine Fingergoniometer für die Gelenke der Hand
- Goniometer mit langen Schenkeln für große Gelenke wie Hüfte und Knie
- digitale Goniometer mit elektronischer Anzeige
- Inklinometer, die den Winkel gegenüber der Senkrechten erfassen, etwa an der Wirbelsäule
Messung nach der Neutral-Null-Methode
Für eine Messung wird der Drehpunkt über die Bewegungsachse des Gelenks gelegt. Der feste Schenkel zeigt entlang der Längsachse des ruhenden Körperabschnitts, der bewegliche entlang des bewegten Abschnitts. Orientierung geben tastbare Knochenpunkte. Gemessen wird von der Nullstellung aus in beide Richtungen einer Bewegungsebene, aktiv oder passiv. Die Neutral-Null-Methode legt die Schreibweise fest: zuerst die Bewegung vom Körper weg, dann die Nullstellung, dann die Gegenbewegung.
Wie aussagekräftig ein Wert ist, hängt vom Anlegen ab. Schon kleine Abweichungen am Drehpunkt, Ausweichbewegungen benachbarter Gelenke oder Kleidung über den Knochenpunkten verändern das Ergebnis. Für Verlaufskontrollen wird deshalb möglichst unter gleichen Bedingungen gemessen und festgehalten, aus welcher Ausgangsstellung, ob aktiv oder passiv und an welchem Tag.
Bedeutung für Ausbildung und Praxis
Die PhysTh-APrV führt Messverfahren in Anlage 1 als Inhalt des Fachs Physiotherapeutische Befund- und Untersuchungstechniken, für das 100 Stunden vorgesehen sind. Die Grundlagen dafür liefert das Fach Anatomie mit Achsen, Ebenen und Orientierungssystem sowie der Palpation der Bewegungsorgane. In der praktischen Prüfung verlangt § 14 PhysTh-APrV an zwei Patientinnen oder Patienten je eine Befunderhebung mit Bewertung und Dokumentation; Gelenkmessungen können dabei Teil des Befunds sein.
Im Berufsalltag dienen Goniometermessungen dem Seitenvergleich, der Verlaufskontrolle und der Verständigung mit Ärztinnen, Ärzten und Kostenträgern. Ein gemessener Winkel ist für sich genommen noch kein Therapieziel. Maßgeblich ist, welche Beweglichkeit eine Person für ihre Aktivitäten braucht.
Abgrenzung
Das Goniometer ist das Instrument, die Neutral-Null-Methode die Mess- und Schreibkonvention, das Bewegungsausmaß die gemessene Größe. Abstände, etwa der Finger-Boden-Abstand bei der Rumpfbeuge, werden mit dem Maßband erfasst. In Technik und Kristallographie bezeichnet Goniometer auch andere Winkelmessgeräte.