Die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit, kurz ICF, ist ein Ordnungssystem der Weltgesundheitsorganisation. Sie beschreibt keine Krankheiten, sondern die Folgen eines Gesundheitsproblems für das Leben eines Menschen. Diagnosen verschlüsselt die ICD; die ICF ergänzt sie um die Frage, was eine Person tun kann und an welchen Lebensbereichen sie teilhat. In der Physiotherapie gilt sie als gemeinsame Sprache für Befund, Zielsetzung und Verlaufsbeschreibung.
Das Schaubild zeigt die Bestandteile der ICF untereinander: Gesundheitsproblem, Körperfunktionen und -strukturen, Aktivitäten, Teilhabe sowie die Kontextfaktoren aus Umwelt- und personbezogenen Faktoren. Doppelpfeile zwischen benachbarten Kästen und eine Linie am linken Rand vom letzten zum ersten Kasten zeigen, dass alle Bestandteile wechselseitig aufeinander wirken.
Aufbau und Grundlagen
Die ICF folgt einem biopsychosozialen Modell. Ihre Komponenten beeinflussen sich wechselseitig:
- Körperfunktionen und Körperstrukturen: etwa Gelenkbeweglichkeit, Muskelkraft oder der Aufbau eines Kniegelenks. Abweichungen heißen Schädigungen.
- Aktivitäten: das Ausführen einer Aufgabe, zum Beispiel Gehen, Treppensteigen oder Greifen.
- Teilhabe: das Einbezogensein in Lebensbereiche wie Arbeit, Familie oder Freizeit.
- Umweltfaktoren: Hilfsmittel, Wohnsituation, Unterstützung durch Angehörige, Einstellungen des Umfelds.
- Personbezogene Faktoren: Alter, Gewohnheiten oder Bewältigungsstile. Diese Komponente ist in der ICF nicht im Einzelnen ausklassifiziert.
Umwelt- und personbezogene Faktoren bilden zusammen die Kontextfaktoren. Der Behinderungsbegriff in § 2 SGB IX greift dieses Wechselwirkungsdenken auf: Beeinträchtigungen werden dort im Zusammenspiel mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren betrachtet. Auch die Heilmittel-Richtlinie des G-BA verlangt für die Verordnung einen Blick über die Diagnose hinaus. Maßgeblich sind dort Schädigungen, Einschränkungen der Aktivitäten und die Kontextfaktoren der Person.
Bedeutung für Ausbildung und Praxis
In der Ausbildung begegnet die ICF vor allem in den Fächern Physiotherapeutische Befund- und Untersuchungstechniken sowie Prävention und Rehabilitation der Anlage 1 zur PhysTh-APrV. Die Verordnung selbst ist älter als die ICF und nennt sie nicht. Schulen und Hochschulen nutzen das Modell dennoch häufig als Gliederung für Befundbögen und Fallarbeiten. Auszubildende lernen, Untersuchungsergebnisse den Komponenten zuzuordnen: Die gemessene Kniebeugung gehört zu den Körperfunktionen, das mühsame Aufstehen vom Stuhl zu den Aktivitäten, der nicht mehr mögliche Weg zur Arbeit zur Teilhabe.
Im Berufsalltag strukturiert die ICF die Befunderhebung und die Formulierung von Therapiezielen. Ziele auf der Ebene von Aktivität und Teilhabe lassen sich mit Patientinnen und Patienten leichter abstimmen als Ziele, die nur eine Körperstruktur betreffen. Das Modell erleichtert außerdem die Verständigung mit Ärztinnen und Ärzten, Ergotherapie und Sozialdienst, etwa in der Rehabilitation. In der Verlaufsdokumentation hilft es, Veränderungen auf allen Ebenen festzuhalten.
Abgrenzung
Die ICF ist weder Messinstrument noch Diagnosesystem. Sie liefert Kategorien und eine Denkstruktur. Welche Tests, Skalen oder Fragebögen im Einzelfall zum Einsatz kommen, klärt das Assessment. Von der ICD unterscheidet sie sich durch den Blickwinkel: Die ICD fragt nach der Erkrankung, die ICF nach Funktionsfähigkeit und Teilhabe im Alltag.