Das Lipödem ist eine chronische Erkrankung, bei der sich Unterhautfettgewebe an Beinen und teils auch an Armen symmetrisch und unverhältnismäßig zum Rumpf vermehrt. Betroffen sind fast ausschließlich Frauen; die Beschwerden beginnen oder verstärken sich oft in Phasen hormoneller Umstellung wie Pubertät, Schwangerschaft oder Wechseljahren. Kennzeichnend sind Schmerzen, vor allem Druck- und Berührungsschmerz, Spontanschmerz sowie Spannungs- und Schweregefühl. Über eine Neigung zu blauen Flecken berichten viele Betroffene; als Diagnosekriterium gilt sie nicht. Hände und Füße sind nicht betroffen. Die Ursache ist nicht abschließend geklärt.
Die Diagnose ist ärztliche Aufgabe und stützt sich vor allem auf Anamnese und klinische Untersuchung. Die Einteilung in Stadien beschreibt die Beschaffenheit von Haut und Unterhautgewebe, von einer glatten Hautoberfläche bis zu ausgeprägten Gewebewülsten. Ein Maß für die Stärke der Beschwerden ist sie nach der S2k-Leitlinie Lipödem nicht.
Einordnung im Heilmittelkatalog
Die Heilmittel-Richtlinie des G-BA führt das Lipödem im Stadium I bis III, auch ohne begleitendes Lymphödem, in der Diagnosegruppe LY, Lymphabflussstörungen (Stand Oktober 2026). Vorrangiges Heilmittel ist dort die Manuelle Lymphdrainage mit 30, 45 oder 60 Minuten Therapiezeit, jeweils auch mit Kompressionsbandagierung. Legt die Verordnung keine Therapiezeit fest, ist nach § 18 der Richtlinie das Stadium als ICD-10-Code anzugeben; die Therapeutin oder der Therapeut entscheidet dann befundabhängig über die Zeit. Ergänzend können unter anderem Übungsbehandlung, auch im Bewegungsbad, sowie Wärme- oder Kältetherapie verordnet werden. In der Diagnoseliste zum langfristigen Heilmittelbedarf der Anlage 2 stehen Lymphödeme der Stadien II und III, das Lipödem dagegen nicht.
Behandlung nach der Leitlinie
Die S2k-Leitlinie Lipödem der AWMF (Registernummer 037-012, Version vom 22. Januar 2024) stellt die Kompressionstherapie mit dem Ziel der Schmerzreduktion in den Vordergrund. Bewegung in Kompression oder ein Trainingsprogramm soll Teil des Gesamtkonzepts sein. Manuelle Lymphdrainage kommt danach ergänzend in Betracht, wenn Kompression nicht anwendbar ist oder allein nicht ausreicht; sie zielt dabei nicht auf eine Verringerung des Volumens. Betroffenen soll vermittelt werden, dass Kompression das Fettgewebe nicht verringert. Besteht zusätzlich ein Lymphödem, kann die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie eingesetzt werden. Der Heilmittelkatalog regelt, was verordnet werden kann; die Leitlinie beschreibt den fachlichen Stellenwert der einzelnen Maßnahmen.
Aufgaben in Ausbildung und Praxis
Für die Physiotherapie ergeben sich daraus Aufgaben bei Bewegungs- und Trainingsprogrammen in Kompression, bei der Kompressionsbandagierung und bei der Information der Betroffenen. Die Manuelle Lymphdrainage ist eine Zertifikatsposition; abrechnen dürfen sie erst Fachkräfte mit anerkannter Weiterbildung, die auch die Kompressionsbandagierung umfasst. Die Ausbildung nach PhysTh-APrV legt dafür Grundlagen des lymphatischen Systems in der Physiologie und Grifftechniken in der Massagetherapie. Im Befund erfassen Therapeutinnen und Therapeuten Umfangsmaße, Gewebebeschaffenheit, Druckschmerz und Hautzustand und dokumentieren den Verlauf.
Flachgestrickte Kompressionsstrümpfe sind Hilfsmittel, Kompressionsbinden Verbandmittel; beide werden gesondert verordnet. Weil das Krankheitsbild leicht mit Übergewicht verwechselt wird, gehört eine wertschätzende Gesprächsführung zum professionellen Umgang. Eine operative Fettabsaugung ist eine ärztliche Leistung; Physiotherapie kann vor und nach dem Eingriff Teil der Versorgung sein.
Abgrenzung
Das Lymphödem ist eine Schwellung durch eiweißreiche Flüssigkeit, weil Lymphe nicht ausreichend abfließt. Es tritt häufig einseitig auf, bezieht Fuß und Zehen ein und zeigt dann oft ein positives Stemmer-Zeichen: Die Haut über der zweiten Zehe lässt sich nicht als Falte abheben. Das Lipödem ist dagegen eine Vermehrung von Fettgewebe, symmetrisch und mit ausgesparten Füßen. Beide Krankheitsbilder können zusammen auftreten. Eine schmerzfreie, unverhältnismäßige Fettverteilung bezeichnet die Leitlinie als Lipohypertrophie und nicht als Lipödem. Von der Adipositas unterscheidet sich das Lipödem durch die schmerzhafte Verteilung an den Extremitäten; eine Adipositas kann zusätzlich bestehen und betrifft dann auch den Rumpf.