Sturzprophylaxe bezeichnet alle Maßnahmen, mit denen Fachkräfte das Sturzrisiko eines Menschen einschätzen und verringern wollen. Aus physiotherapeutischer Sicht stehen Gleichgewichts-, Kraft- und Gangtraining im Mittelpunkt. Hinzu kommen Hinweise zu Wohnumfeld, Schuhwerk und Hilfsmitteln. Zielgruppe sind vor allem ältere Menschen sowie Personen mit neurologischen oder orthopädischen Einschränkungen.
Einordnung zwischen Heilmittel und Prävention
Einen eigenen Eintrag Sturzprophylaxe enthält der Heilmittelkatalog nicht. Sturzbezogene Inhalte fließen in verordnete Heilmittel wie Krankengymnastik oder Übungsbehandlung ein, wenn eine passende Diagnosegruppe vorliegt. So nennt der Katalog bei Schwindel unterschiedlicher Genese (Diagnosegruppe SO3) Schwindelgefühl und Fallneigung als Leitsymptomatik; bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems führt er Störungen der posturalen Kontrolle auf (Heilmittel-Richtlinie des G-BA, Stand September 2026).
Außerhalb der Verordnung finden Kurse zur Sturzprävention im Rahmen der Prävention statt; die gesetzliche Grundlage für Leistungen der Krankenkassen zur primären Prävention bildet § 20 SGB V. In der Pflege gibt es zudem einen nationalen Expertenstandard zur Sturzprophylaxe, der die Zusammenarbeit der Berufsgruppen berührt.
Bedeutung in Ausbildung und Berufsalltag
Ein eigenes Fach Sturzprophylaxe sieht die PhysTh-APrV nicht vor. Die Inhalte verteilen sich nach Anlage 1 auf die Geriatrie in der Speziellen Krankheitslehre und in der methodischen Anwendung der Physiotherapie, auf das Fach Prävention und Rehabilitation sowie auf Gangschulung und Trainingslehre. In der Praxis beginnt die Arbeit mit der Einschätzung: Anamnese zu früheren Stürzen, Sehvermögen und Alltagsaktivitäten sowie standardisierte Tests zu Gleichgewicht, Gehgeschwindigkeit und Aufstehen aus dem Sitz. Darauf baut ein Übungsprogramm auf, das die ermittelten Defizite gezielt anspricht. Therapeutinnen und Therapeuten arbeiten dabei eng mit Pflege, Ergotherapie und Ärzteschaft zusammen, etwa wenn Medikamente oder das Sehen als Risikofaktoren in Frage kommen. Für Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger ist das Thema in Geriatrie, Neurologie und Orthopädie gleichermaßen präsent, von der Akutklinik bis zum Hausbesuch in der Pflegeeinrichtung.
Typische Bausteine
- Erfassung des Sturzrisikos mit einem Assessment
- Übungen zu statischem und dynamischem Gleichgewicht sowie zu Schutzreaktionen
- Krafttraining der Bein- und Rumpfmuskulatur
- Gangschule mit und ohne Gehhilfe, auch auf Treppen und unebenem Grund
- Üben des Aufstehens vom Boden
- Beratung zu Stolperstellen, Beleuchtung und passenden Hilfsmitteln
Abgrenzung
Sturzprophylaxe richtet sich auf das Ereignis Sturz und seine Risikofaktoren. Sensomotorisches Training ist dagegen eine Trainingsmethode, die innerhalb eines Sturzprogramms ein Baustein sein kann. Von Maßnahmen zur Knochengesundheit, etwa bei Osteoporose, unterscheidet sich die Sturzprophylaxe im Ansatz: Sie zielt auf die Häufigkeit von Stürzen, weniger auf deren Folgen. Hilfsmittel wie Hüftprotektoren betreffen dagegen die Sturzfolgen und werden gemeinsam mit Pflege und Ärzteschaft ausgewählt.