Trainingslehre beschäftigt sich damit, wie körperliche Belastung dosiert wird, damit der Organismus sich anpasst. Sie stammt aus der Sportwissenschaft und wurde für die Physiotherapie auf Menschen mit Erkrankungen, Verletzungen oder nach Operationen übertragen. Grundlage ist die Beobachtung, dass der Körper auf wiederholte, ausreichend starke Reize mit strukturellen und funktionellen Veränderungen reagiert.
Belastungsnormative
Belastungsnormative sind die Stellgrößen, mit denen ein Training beschrieben und gesteuert wird:
- Reizintensität: Stärke des einzelnen Reizes, etwa Gewicht, Geschwindigkeit oder Widerstand.
- Reizdauer: Zeit, über die ein einzelner Reiz wirkt.
- Reizumfang: Gesamtmenge einer Einheit, etwa Wiederholungen und Serien.
- Reizdichte: Verhältnis von Belastung und Pause innerhalb einer Einheit.
- Trainingshäufigkeit: Zahl der Einheiten in einem bestimmten Zeitraum.
Pauschale Werte für Intensität, Umfang oder Pausen legt die Trainingslehre nicht fest. Sie richten sich nach Ziel, Belastbarkeit und Befund der Person. Neben den Normativen unterscheidet die Trainingslehre die motorischen Beanspruchungsformen Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Koordination. Jede davon stellt eigene Anforderungen an Dosierung und Erholung.
Superkompensation und Trainingsprinzipien
Das Modell der Superkompensation beschreibt die Abfolge von Belastung, Ermüdung, Erholung und einer vorübergehend erhöhten Leistungsfähigkeit. Setzt der nächste Reiz in dieser Phase ein, soll sich das Leistungsniveau schrittweise anheben. Das Modell ist anschaulich, aber vereinfacht: Verschiedene Gewebe und Organsysteme erholen sich unterschiedlich schnell, und die Anpassung lässt sich im Einzelfall nicht genau vorhersagen. In der Lehre dient es als Denkmodell, nicht als Zeitplan. Daraus abgeleitet werden Prinzipien wie die progressive Belastungssteigerung, die Individualisierung und ein abgestimmtes Verhältnis von Belastung und Erholung.
Bedeutung für Ausbildung und Praxis
Trainingslehre ist ein eigenes Fach der PhysTh-APrV. Es knüpft an Physiologie, Bewegungslehre und das Wissen über Muskelkontraktionsformen an. In der Praxis bildet es die Grundlage für die Medizinische Trainingstherapie und für das Heilmittel Krankengymnastik am Gerät, das nach der Heilmittel-Richtlinie verordnungsfähig ist.
Therapeutinnen und Therapeuten leiten aus dem Befund ab, welche motorische Fähigkeit im Vordergrund steht, wählen passende Belastungsnormative und passen sie anhand von Belastungsreaktion, Schmerzverhalten und Heilungsstand an. Die gewählten Parameter und ihre Veränderung werden dokumentiert, damit der Verlauf für das Team und bei Folgeverordnungen nachvollziehbar bleibt. Im Unterschied zum Leistungssport steht dabei nicht die sportliche Leistung im Mittelpunkt, sondern die Belastbarkeit im Alltag, im Beruf oder in der Rückkehr zum Sport.