Stuhlgymnastik, auch Sitzgymnastik genannt, bezeichnet Übungen, die auf einem stabilen Stuhl im Sitzen oder aus dem Sitzen heraus ausgeführt werden. Eine Einheit von 10 bis 20 Minuten kann Mobilisation, Kraftübungen für Beine und Arme sowie einfache Gleichgewichtsübungen verbinden. Außer einem passenden Stuhl braucht es höchstens ein Übungsband.
Hier finden Sie neun Übungen mit Orientierungswerten, einen Ablauf für 15 Minuten und eine Einordnung der Studienlage.
Was Stuhlgymnastik ist und für wen sie sich eignet
Der Stuhl trägt das Körpergewicht, das Gleichgewicht muss nicht im Stand gehalten werden. Das ist für mehrere Gruppen interessant:
- ältere Menschen, die sich im Stand unsicher fühlen oder nach einer Pause wieder beginnen,
- Menschen, denen längeres Stehen wegen Gelenkbeschwerden oder hohen Körpergewichts schwerfällt,
- Angehörige sowie Pflege- und Übungsleitungen, die eine Einheit anleiten,
- Beschäftigte im Büro, die lange Sitzphasen unterbrechen wollen.
Die Grenze liegt dort, wo Gehen und Üben im Stand möglich sind. Stuhlgymnastik ersetzt diese Belastungen nicht, weil der Stuhl einen großen Teil der Haltearbeit übernimmt. Wer sicher steht und geht, nutzt sie als Einstieg, als Ergänzung an Tagen mit Beschwerden oder als Bewegungspause. Hinweise für einen Einstieg in Bewegung bei hohem Körpergewicht gibt ein eigener Beitrag.

Der richtige Stuhl und die Sitzposition
Geeignet ist ein Stuhl mit vier festen Beinen, gerader Rückenlehne und fester Sitzfläche, der das eigene Körpergewicht sicher trägt, ohne Rollen und ohne Drehfunktion; Klapp- und Bürodrehstühle scheiden aus. Steht der Stuhl mit der Lehne an einer Wand, rutscht er beim Aufstehen nicht so leicht weg. Lose Teppiche gehören aus dem Übungsbereich.
Armlehnen helfen beim Armdrücken und unsicheren Personen beim Aufstehen, beim Rudern stören sie eher. Die Sitzhöhe passt, wenn beide Füße flach stehen und die Knie etwa im rechten Winkel gebeugt sind. Für die meisten Übungen sitzen Sie aufrecht auf der vorderen Hälfte der Sitzfläche, ohne sich anzulehnen.
Dazu kommen feste Schuhe mit rutschfester Sohle und ein Glas Wasser in Reichweite. Wer sich unsicher fühlt, übt anfangs mit einer zweiten Person im Raum.
Aufwärmen und Mobilisation im Sitzen
Die ersten Minuten bereiten Gelenke und Kreislauf vor; bewegt wird langsam und schmerzfrei.
Schulterkreisen
- Ausgangsstellung: aufrecht auf der vorderen Sitzhälfte, die Arme hängen locker neben dem Körper.
- Ausführung: Beide Schultern langsam nach vorn, oben, hinten und unten kreisen lassen, der Kopf bleibt ruhig.
- Orientierung: je 8 bis 10 Kreise rückwärts und vorwärts.
- Häufiger Fehler: ruckartiges Hochziehen der Schultern.
Fußwippe
- Ausgangsstellung: aufrecht, Füße flach und hüftbreit, Hände auf den Oberschenkeln.
- Ausführung: Abwechselnd die Fersen und die Fußspitzen anheben. Der jeweils andere Teil des Fußes bleibt am Boden.
- Orientierung: 15 bis 20 Wechsel in ruhigem Tempo.
- Häufiger Fehler: so schnell wippen, dass die Bewegung immer kleiner wird.
Rumpfdrehung
- Ausgangsstellung: aufrecht ohne Anlehnen, Füße hüftbreit, Arme vor der Brust gekreuzt.
- Ausführung: Den Oberkörper langsam zu einer Seite drehen, Becken und Knie bleiben nach vorn gerichtet. Zurück zur Mitte, dann zur anderen Seite.
- Orientierung: 5 bis 8 Drehungen je Seite, nur im schmerzfreien Bereich.
- Häufiger Fehler: mit Schwung drehen. Bei Rückenbeschwerden oder nach Operationen an der Wirbelsäule vorher das passende Ausmaß klären.
Kraftübungen: Aufstehen, Beine und Arme
Die Anstrengung darf spürbar sein, Schmerzen gehören nicht dazu. Beim Anstrengen wird ausgeatmet, nicht die Luft angehalten.
Aufstehen und Hinsetzen (Sit-to-Stand)
Aufstehen kommt im Alltag ständig vor, vom Sofa bis zum Auto. Die Übung beansprucht vor allem Oberschenkel- und Gesäßmuskulatur und trainiert den Bewegungsablauf selbst.
- Ausgangsstellung: vorn auf der Sitzfläche, Füße hüftbreit und etwas hinter die Knie zurückgestellt, Arme vor der Brust gekreuzt. Wer unsicher ist, stützt die Hände auf Oberschenkel oder Armlehnen.
- Ausführung: Den Oberkörper mit geradem Rücken nach vorn neigen, bis das Gewicht auf den Füßen liegt („Nase über die Zehen“). Ohne Schwung aufstehen, bis Hüfte und Knie gestreckt sind, dann langsam hinsetzen.
- Orientierung: 5 bis 10 Wiederholungen, ein bis drei Durchgänge mit etwa einer Minute Pause. Später ohne Hände oder mit langsamerem Hinsetzen.
- Häufiger Fehler: Schwung holen, sich auf den Stuhl fallen lassen oder die Knie nach innen kippen lassen.
In der Physiotherapie dient wiederholtes Aufstehen auch als Testverfahren: Beim 30-Sekunden-Aufstehtest, den etwa das Sturzpräventionsprogramm STEADI der US-Gesundheitsbehörde CDC beschreibt, wird gezählt, wie oft eine Person mit gekreuzten Armen in 30 Sekunden vollständig aufsteht; eine Fachperson steht zur Sicherheit daneben. Solche Assessments werden fachlich ausgewertet und eignen sich nicht zur Selbstdiagnose.

Beinstrecken
- Ausgangsstellung: aufrecht auf der vorderen Sitzhälfte, die Hände halten seitlich die Sitzfläche.
- Ausführung: Ein Bein langsam strecken, bis das Knie fast gerade ist, Fußspitze nach oben. Zwei bis drei Sekunden halten, absetzen, Seite wechseln.
- Orientierung: 8 bis 12 Wiederholungen je Bein, ein bis zwei Durchgänge.
- Häufiger Fehler: Das Bein wird hochgeschleudert, und der Oberkörper lehnt sich zurück.
Armdrücken gegen die Sitzfläche
- Ausgangsstellung: aufrecht, die Hände neben dem Gesäß auf der Sitzfläche oder auf den Armlehnen.
- Ausführung: Mit den Händen nach unten drücken, als wollten Sie das Gesäß anheben; die Schultern bleiben unten. Drei bis fünf Sekunden halten, lösen.
- Orientierung: 5 bis 10 Wiederholungen.
- Häufiger Fehler: hochgezogene Schultern und angehaltener Atem. Bei Beschwerden in Schulter oder Handgelenk mit wenig Druck beginnen oder auslassen.
Rudern mit dem Übungsband
- Ausgangsstellung: aufrecht, Beine fast gestreckt, Fersen am Boden, das Übungsband mittig um beide Fußsohlen, die Enden in den Händen.
- Ausführung: Die Ellenbogen nah am Körper nach hinten ziehen, die Schulterblätter zur Wirbelsäule bewegen, langsam nachgeben.
- Orientierung: 10 bis 15 Wiederholungen; die letzten sollen anstrengend sein, aber sauber gelingen.
- Häufiger Fehler: Der Oberkörper kippt nach hinten, statt dass die Arme arbeiten. Das Band vorher auf Risse prüfen.
Weitere Varianten zeigt der Beitrag mit Übungen mit dem Übungsband.
Gleichgewicht und Koordination im Sitzen
Im Sitzen lässt sich das Gleichgewicht nur begrenzt fordern, weil die Sitzfläche stützt.
Gewichtsverlagerung
- Ausgangsstellung: aufrecht auf der Mitte der Sitzfläche, Füße hüftbreit, Hände auf den Oberschenkeln.
- Ausführung: Das Gewicht langsam auf eine Gesäßhälfte verlagern, bis die andere leicht entlastet ist, kurz halten, dann zur anderen Seite, danach nach vorn und hinten.
- Orientierung: 5 bis 8 Verlagerungen je Richtung, schwieriger mit gekreuzten Armen.
- Häufiger Fehler: in der Taille einknicken, statt den Oberkörper als Ganzes zu verlagern.
Gegengleiche Arm-Bein-Bewegung
- Ausgangsstellung: aufrecht auf der vorderen Sitzhälfte, Füße flach am Boden.
- Ausführung: Den rechten Arm nach vorn oben heben und gleichzeitig das linke Knie leicht anheben, absetzen, dann linker Arm und rechtes Knie.
- Orientierung: 8 bis 10 Wechsel je Seite, das Tempo erst steigern, wenn der Wechsel sicher klappt.
- Häufiger Fehler: Arm und Bein derselben Seite bewegen oder beim Armheben ins Hohlkreuz gehen.

Beispielablauf: Stuhlgymnastik in 15 Minuten
Eine mögliche Reihenfolge mit Orientierungswerten aus der Übungspraxis; individuelle Vorgaben aus Arztpraxis oder Physiotherapie haben Vorrang.
| Phase | Übungen | Orientierung |
|---|---|---|
| Aufwärmen, 3 Min. | Schulterkreisen, Fußwippe, Rumpfdrehung | je etwa 1 Minute, ruhiges Tempo |
| Kraft, 7 Min. | Aufstehen und Hinsetzen, Beinstrecken, Armdrücken, Rudern | je 5–15 Wiederholungen, 1–2 Durchgänge |
| Gleichgewicht, 3 Min. | Gewichtsverlagerung, Arm-Bein-Bewegung | je 5–10 pro Seite oder Richtung |
| Ausklang, 2 Min. | langsames Schulterkreisen, ruhiges Atmen | bis die Atmung ruhig ist |
Wer neu beginnt, startet mit fünf bis zehn Minuten und verlängert die Einheit über die Wochen.
Studienlage, Bewegungsempfehlungen und Sturzprophylaxe
Eine systematische Übersichtsarbeit von Klempel und Kollegen (2021) wertete 25 Studien mit 1.388 älteren Teilnehmenden zu Übungen im Sitzen aus. Gegenüber Kontrollgruppen ergaben sich bessere Werte bei Handkraft, Armkraft und im 30-Sekunden-Aufstehtest (im Mittel gut zwei Wiederholungen mehr, allerdings aus nur drei kleinen Studien). Bei Gleichgewicht, Gehgeschwindigkeit, Alltagsaktivitäten und Sturzangst zeigten sich keine eindeutigen Unterschiede.
Laut dem Faktenblatt der WHO zu körperlicher Aktivität ist jede Bewegung besser als keine, und muskelkräftigende Aktivität nützt allen. Für Menschen ab 65 Jahren fasst eine Bestandsaufnahme des Bundesgesundheitsministeriums die WHO-Empfehlungen von 2020 und die nationalen Empfehlungen von 2016 so zusammen:
| Bereich | Empfehlung ab 65 Jahren |
|---|---|
| Ausdauer | 150–300 Min. moderat oder 75–150 Min. intensiver pro Woche |
| Muskelkräftigung | an mindestens 2 Tagen pro Woche |
| Gleichgewicht | an mindestens 3 Tagen pro Woche |
| Sitzen | lange Sitzphasen meiden und regelmäßig unterbrechen |
| Bei Einschränkungen | so viel Bewegung, wie es die Gesundheit zulässt |
Die Gleichgewichtsübungen begründet die Bestandsaufnahme mit der Sturzprävention; die WHO-Leitlinie von 2020 empfiehlt Übungen für Gleichgewicht und Kraft an drei oder mehr Tagen ausdrücklich allen Älteren, nicht mehr nur Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Laut der Studie GEDA 2019/2020 erreichen 22 von 100 Menschen zwischen 65 und 79 Jahren und 10 von 100 ab 80 Jahren die Empfehlungen zu Ausdauer und Muskelkräftigung zusammen, wobei Gehen nicht mitgezählt wurde.
In der Sturzprophylaxe ist Gleichgewichtstraining ein Baustein unter mehreren. Nach der Cochrane-Übersicht von Sherrington und Kollegen (2019, 108 randomisierte Studien) enthielten Übungsprogramme, die bei selbstständig lebenden Älteren mit weniger Stürzen einhergingen, vor allem Balance- und Funktionsübungen; für überwiegendes Krafttraining reichte die Evidenz nicht für eine Aussage. Auf reine Stuhlgymnastik lässt sich das nicht übertragen. Wer sicher stehen kann, ergänzt nach Absprache mit der Physiotherapie Gleichgewichtsübungen im Stand, etwa mit einer Hand an der Stuhllehne.
So starten Sie sicher
Vorher abklären
Bei akuten Beschwerden, Entzündungen, unklaren Schmerzen oder Schwindel, nach Operationen sowie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes oder anderen Vorerkrankungen stimmen Sie den Einstieg vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt oder mit der Physiotherapie ab. Dort lässt sich klären, welche Übungen passen.
Sofort aufhören bei
- Brustschmerzen oder Druckgefühl in der Brust,
- ungewöhnlicher Atemnot,
- Schwindel, Übelkeit oder Benommenheit,
- Schmerzen, die während der Übung zunehmen.
Diese Beschwerden lassen Sie ärztlich abklären, bevor Sie weiter üben. Bei starken oder anhaltenden Brustschmerzen gilt: Notruf 112.

Schrittweise steigern
Steigern Sie zuerst die Wiederholungen, dann die Durchgänge und zuletzt die Schwierigkeit, etwa durch Aufstehen ohne Hände oder ein stärkeres Band. Eine kurze Notiz nach jeder Einheit macht Fortschritte und Probleme sichtbar.
Angeleitet in der Gruppe üben
Sitzgymnastik- und Seniorengruppen gibt es häufig in Sportvereinen und Seniorentreffs. Bei bestimmten Erkrankungen kommen Rehasport und Funktionstraining in Frage: Beides kann ärztlich verordnet werden und findet in Gruppen unter fachlicher Anleitung statt; ob ein Kostenträger übernimmt, hängt vom Einzelfall ab.
Häufige Fragen
Ist Stuhlgymnastik nur etwas für Seniorinnen und Senioren?
Nein. Die Übungen kommen für viele in Frage, denen Üben im Stand schwerfällt oder die lange Sitzphasen unterbrechen wollen, etwa im Büro. Wer sicher steht und geht, ergänzt sie um Übungen im Stand und Ausdauerbewegung.
Wie oft sollte man Stuhlgymnastik machen?
Eigene Vorgaben für Stuhlgymnastik gibt es nicht. Als Rahmen dienen die allgemeinen Empfehlungen: Muskelkräftigung an mindestens zwei Tagen pro Woche, für Ältere zusätzlich Gleichgewichtsübungen an mindestens drei Tagen. Individuelle Vorgaben aus Arztpraxis oder Physiotherapie gehen vor.
Kann Stuhlgymnastik Stürzen vorbeugen?
Für Übungen im Sitzen allein lässt sich das nicht belegen. Mit weniger Stürzen verbunden waren in Übersichtsarbeiten vor allem Programme mit Balance- und Funktionsübungen. Wer sich sturzgefährdet fühlt, bespricht ein passendes Programm mit Ärztin, Arzt oder Physiotherapie.
Brauche ich ein Übungsband?
Nein. Acht der neun Übungen kommen ohne Hilfsmittel aus, nur für das Rudern ist ein Übungsband nötig. Für den Anfang reicht eine leichte Bandstärke.
Was tun, wenn das Aufstehen ohne Hände nicht klappt?
Dann helfen die Hände auf Oberschenkeln oder Armlehnen, ebenso ein etwas höherer, stabiler Stuhl. Wer nicht sicher aufsteht, übt diesen Teil nur mit einer zweiten Person daneben oder unter physiotherapeutischer Anleitung.
