Ganganalyse bezeichnet die strukturierte Beurteilung, wie ein Mensch geht. Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten zerlegen dabei den fließenden Bewegungsablauf in Phasen und Merkmale, um Auffälligkeiten zu erkennen und in einheitlichen Begriffen zu beschreiben. Das Ergebnis ist ein fester Baustein im Befund bei Erkrankungen und Verletzungen der Beine, des Rumpfs und des Nervensystems.
Gangzyklus und Gangphasen
Grundeinheit ist der Gangzyklus, auch Doppelschritt genannt: vom Bodenkontakt eines Fußes bis zum nächsten Bodenkontakt desselben Fußes. Er gliedert sich in die Standbeinphase, in der der Fuß den Boden berührt, und die Schwungbeinphase, in der das Bein nach vorn schwingt. Berühren beide Füße gleichzeitig den Boden, spricht man von der Doppelstandphase.
Für eine genauere Beschreibung wird die Standbeinphase in Unterphasen gegliedert, meist Initialkontakt, Belastungsantwort, mittlere und terminale Standphase sowie Vorschwungphase. Die Schwungbeinphase teilt sich in initiale, mittlere und terminale Schwungphase.
Beobachtung und Messung
- Beobachtende Ganganalyse: Betrachtung von vorn, von hinten und von der Seite, häufig ergänzt durch Videoaufnahmen.
- Gangparameter: Schrittlänge, Spurbreite, Schrittfrequenz, Gehgeschwindigkeit und Symmetrie zwischen beiden Seiten.
- Instrumentelle Ganganalyse: Ganglabore mit Bewegungserfassung, Kraftmessplatten, Druckmesssohlen oder Messung der Muskelaktivität per Elektromyografie.
Typische Abweichungen
Häufig beschriebene Muster sind das Schonhinken mit verkürzter Standphase auf der schmerzhaften Seite, das Absinken des Beckens auf der Schwungbeinseite bei schwacher Hüftabduktion, das seitliche Herumführen des Beins, ein Steppergang bei Schwäche der Fußheber sowie kleine, schlurfende Schritte, wie sie unter anderem bei Morbus Parkinson vorkommen. Die Ganganalyse beschreibt diese Muster; die Ursache klärt erst der Gesamtbefund.
Bedeutung für Ausbildung und Praxis
In der Ausbildung nach der PhysTh-APrV ist das Gehen Thema der Bewegungslehre und des Fachs Physiotherapeutische Befund- und Untersuchungstechniken; Anatomie sowie angewandte Physik und Biomechanik liefern die Grundlagen. Im Berufsalltag begleitet die Ganganalyse die Arbeit nach Operationen an Hüfte und Knie, nach Schlaganfall, bei neurologischen Erkrankungen und in der Sturzprophylaxe. Aus dem Befund leiten Therapeutinnen und Therapeuten Ziele für die Gangschule ab und prüfen im Verlauf, ob und wie sich das Gangbild verändert. Beobachtete Abweichungen werden in der Dokumentation mit denselben Phasenbegriffen beschrieben, damit Folgebefunde vergleichbar bleiben. Gehstrecke, Untergrund, Schuhwerk, Gehhilfen und Tagesform beeinflussen das Gangbild und werden deshalb im Befund mit angegeben.